Viktor Mayer-Schönberger

Was wird es in Zukunft bedeuten, menschlich zu sein?

Künstliche Intelligenz wird viele menschlichen Fähigkeiten übertreffen, von denen wir glauben, dass sie uns besonders machen.

Eine der bedeutendsten Nachrichten des letzten Jahres aus den USA stammte nicht aus dem Weißen Haus oder dem Twitter-Feed von Donald Trump. Vielmehr verbarg sie sich in einem Bericht, der auf der Website des California Department of Motor Vehicles veröffentlicht wurde.

2016 legten Googles autonom fahrende Autos 635,868 Meilen zurück und benötigten dabei nur 0,2 menschliche Interventionen pro 1.000 Meilen.

Er beschreibt die Bemühungen von Google (genauer gesagt seines Tochterunternehmens Waymo), autonomes Fahren Realität werden zu lassen. Dem Bericht zufolge legten im Jahr 2016 Googles autonom fahrende Autos 635,868 Meilen (1.023.330 km) zurück und benötigten dabei 124 Mal menschliche Interventionen. Das entspricht einer Intervention auf 5.000 autonom gefahrenen Meilen (8.047 km). Noch beeindruckender ist der Fortschritt in nur einem Jahr: Die menschlichen Eingriffe fielen von 0,8 Mal pro 1.000 Meilen auf 0,2, was eine Verbesserung von 400% bedeutet. Bei diesem Fortschritt werden die Autos von Google im Laufe des Jahres mein eigenes Fahrvermögen spielend übertreffen.

Was wird der Platz meiner Enkel in einer Welt sein, in der Maschinen uns in einem Bereich nach dem anderen verdrängen?

Ein Fahrzeug zu bedienen, schien einst eine sehr menschliche Fähigkeit zu sein. Das haben wir auch über das Schach gesagt. Dann schlug ein Computer wiederholt den menschlichen Weltmeister. Das Strategie-Brettspiel Go galt ebenfalls als Lackmustest für das menschliche Denken, bis ein Computer 2016 einen der weltbesten professionellen Go-Spieler besiegte. 2011 ging der IBM-Computer Watson beim Quizspiel Jeopardy! als Sieger hervor - eine weitere vermeintlich menschliche Domäne und teilt nun seine Zeit unter anderem zwischen der Identifizierung von Melanomen und dem Kochen kreativer Rezepte auf.

Was wird es in Zukunft bedeuten, menschlich zu sein, wenn Computer selbst Aufgaben erfüllten können, die Wissen, Strategie und sogar Kreativität erfordern?

Manche befürchten, dass selbstfahrende Autos und Lastwagen Millionen Berufskraftfahrer verdrängen könnten (sie haben recht) und ganze Industriezweige durcheinander bringen (yup!). Ich sorge mich um meinen sechsjährigen Sohn. Was wird sein Platz in einer Welt sein, in der Maschinen uns in einem Bereich nach dem anderen verdrängen? Was wird er tun und wie wird er mit diesen immer schlaueren Maschinen umgehen? Was wird sein Beitrag für die Welt sein, in der er leben wird?

Er wird niemals schneller rechnen oder eine mathematische Gleichung schneller lösen können, als es eine Maschine vermag. Er wird niemals schneller tippen, niemals besser fahren oder sicherer fliegen. Er kann weiterhin Schach mit seinen Freunden spielen, aber weil er ein Mensch ist, wird er keine Chance mehr haben, jemals der beste Schachspieler auf dem Planeten zu werden. Er mag zwar immer noch gerne mehrere Sprachen sprechen (wie er es jetzt tut), aber in seinem Berufsleben ist das angesichts der jüngsten Verbesserungen bei der maschinellen Übersetzung in Echtzeit kein Wettbewerbsvorteil mehr.

Was ist noch das Besondere an uns und was ist unser bleibender Wert?

Eigentlich läuft alles auf eine ziemlich einfache Frage hinaus: Was ist das Besondere an uns und was ist unser bleibender Wert? Es können keine Fähigkeiten wie Rechnen oder Tippen sein, bei welchen Maschinen uns bereits übertreffen. Es kann auch nicht Rationalität sein, denn mit all den menschlichen Vorurteilen und Emotionen, sind wir der Maschine unterlegen.

Vielleicht wollen wir also Qualitäten an einem anderen Ende des Spektrums in Betracht ziehen: radikale Kreativität, irrationale Originalität,  und vielleicht sogar eine Dosis unlogischer Verrücktheit anstelle von nüchterner Logik. Ein bisschen Kirk anstelle von Spock. Bisher haben es Maschinen ziemlich schwer, diese Qualitäten zu emulieren: Scheinbar verrückte Entscheidungen, willkürlich genug, um nicht von einem Computerprogramm vorhergesagt zu werden, und doch mehr als nur Zufälligkeit. Darin liegt unsere Chance.

Ich schlage nicht vor, dass wir Vernunft, Logik und kritisches Denken aufgeben. Gerade weil ich so sehr an die Werte denke, die wir mit Rationalität und Aufklärung verbinden, glaube ich, dass wir vielleicht ein bisschen das Gegenteil feiern wollen.

Ich bin kein Maschinenstürmer. Ganz im Gegenteil. Wenn wir die Informationsverarbeitungsmaschinen weiter verbessern und sie an jede Interaktion mit der Welt anpassen, werden wir bald hilfreiche rationale Assistenten zur Verfügung haben. Sie werden uns befähigen, einige unserer spezifisch menschlichen Defitize bei der Transformation von Informationen in rationale Entscheidungen zu kompensieren. Und sie werden immer besser werden.

Deshalb müssen wir unseren menschlichen Beitrag bei dieser Arbeitsteilung leisten, um die Rationalität der Maschinen zu ergänzen, anstatt mit ihr zu konkurrieren. Denn das wird uns nachhaltig von ihnen unterscheiden, und Differenzierung schafft Werte.

Wenn ich recht habe, sollten wir bei der Erziehung unserer Kinder einen kreativen Geist, respektlose Einstellungen und sogar irrationale Ideen fördern. Nicht weil Irrationalität Glückseligkeit bedeutet, sondern weil eine Dosis unlogischer Kreativität die Rationalität der Maschine ergänzt. Das wird uns weiterhin einen Platz am Tisch der Evolution sichern.

Leider reagiert unser Bildungssystem nicht auf die bevorstehende Realität dieses Zweiten Maschinenzeitalters. Ähnlich wie die Kleinbauern im vorindustriellen Denken steckengeblieben sind, sind unsere Schulen und Universitäten nach wie vor so strukturiert, dass sie die Schüler als gehorsame Diener der Rationalität ausbilden und veraltete Fähigkeiten im Umgang mit veralteten Maschinen fördern.

Wir müssen unseren Kinder helfen, zu lernen, wie man am besten mit intelligenten Computern arbeitet, um menschliche Entscheidungen zu verbessern.

Wenn wir die Herausforderung der Automatisierung ernst nehmen, müssen wir das schnell ändern. Natürlich müssen wir weiterhin die Bedeutung von faktenbasierter Rationalität lehren. Wir müssen unseren Kinder helfen, zu lernen, wie man am besten mit intelligenten Computern arbeitet, um menschliche Entscheidungen zu verbessern. Aber vor allem müssen wir die langfristige Perspektive im Auge behalten: Selbst wenn Computer uns überlisten, können wir immer noch die kreativsten Köpfe sein, wenn wir Kreativität als einen der bestimmenden Werte der Menschlichkeit betrachten. Wie irrationale Ideen oder große Emotionen.

Wenn wir das nicht tun, werden wir im Ökosystem der Zukunft keinen großen Wert haben, und das könnte die Grundlage unserer Existenz in Frage stellen.

Am besten wir fangen jetzt an, denn wenn die Existenz Menschheit auf dem Spiel steht, ist der Fokus auf die medialen Ergüsse des US-Präsidenten nichts anderes als das Zurechtrücken von Liegestühlen auf der Titanic.

 

BBC Future

 

 

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